Frank Wedekind - Brigitte B. Ein junges Mädchen kam nach Baden, Brigitte B. war sie genannt, Fand Stellung dort in einem Laden, Wo sie gut angeschrieben stand. Die Dame, schon ein wenig älter,
War dem Geschäfte zugetan, Der Herr ein höherer Angestellter Der königlichen Eisenbahn. Die Dame sagt nun eines Tages,
Wie man zur Nacht gegessen hat: »Nimm dies Paket, mein Kind, und trag es Zu der Baronin vor der Stadt.« Auf diesem Wege traf Brigitte
Jedoch ein Individium, Das hat an sie nur eine Bitte, Wenn nicht, dann bringe er sich um. Brigitte, völlig unerfahren,
Gab sich ihm mehr aus Mitleid hin. Drauf ging er fort mit ihren Waren Und ließ sie in der Lage drin. Sie konnt es anfangs gar nicht fassen,
Dann lief sie heulend und gestand, Daß sie sich hat verführen lassen, Was die Madam begreiflich fand. Daß aber dabei die Tournüre
Für die Baronin vor der Stadt Gestohlen worden sei, das schnüre Das Herz ihr ab, sie hab sie satt. Brigitte warf sich vor ihr nieder,
Sie sei gewiß nicht mehr so dumm; Den Abend aber schlief sie wieder Bei ihrem Individium. Und als die Herrschaft dann um Pfingsten
Ausflog mit dem Gesangverein, Lud sie ihn ohne die geringsten Bedenken abends zu sich ein. Sofort ließ er sich alles zeigen,
Den Schreibtisch und den Kassenschrank, Macht die Papiere sich zu eigen Und zollt ihr nicht mal mehr den Dank. Brigitte, als sie nun gesehen,
Was ihr Geliebter angericht’, Entwich auf unhörbaren Zehen Dem Ehepaar aus dem Gesicht. Vorgestern hat man sie gefangen,
Es läßt sich nicht erzählen, wo; Dem Jüngling, der die Tat begangen, Dem ging es gestern ebenso.
Frank Wedekind - Der Anarchist
Reicht mir in der Todesstunde
Nicht den Gnaden, den Pokal. Von des Weibes heißem Munde Laßt mich trinken noch einmal. Mögt ihr sinnlos euch berauschen,
Wenn mein Blut zerrinnt im Sand. Meinen Kuß mag sie nicht tauschen, Nicht für Brot aus Henkers Hand. Einen Sohn wird sie gebären,
Dem mein Kreuz im Herzen steht, Der für seiner Mutter Zähren Eurer Kinder Häupter mäht.
Frank Wedekind - Der Lehrer von Mezzodur In Mezzodur war er ein Lehrer,
Sigmund Zus war er genannt, Als ein braver Mann geachtet, In der Gegend wohlbekannt. Er war Gatte und auch Vater
Von drei Kindern, noch so klein; Leider lebte er nicht glücklich Denn die Eh’ward ihm zur Pein. Ein Verdacht regt’ sich im Herzen,
Seine Frau sei ungetreu, Daß ein andrer, nicht er selber, Vater seiner Kinder sei. Und von Eifersucht gepeinigt
Lebte fürder er dem Wahn; Als er sich betrogen glaubte, Reifte leider rasch der Plan. Eines Nachts zwang er die Gattin,
Daß sie ein Bekenntnis schrieb, Das er selber ihr diktierte Und ihr Todesurteil blieb. Als sie drin den Vater nannte
Ihrer Kinder - ach! o Gott! - Schoß er die drei armen Kleinen In dem Bett mit Kugeln tot. Darauf hat er sie gezwungen,
Sich zu legen auf das Bett, Hat sie dann auch umgebrungen, Wie sie ihn auch angefleht. Er legt’ nun selber Hand an sich
Und endete dann fürchterlich. Das Dienstmädchen, das zugegen war,
Mußte leuchten mit dem Licht Und erzählt’s mit Grauen und Entsetzen Dem Gericht. Frank Wedekind - Der Tantenmörder
Ich habe meine Tante geschlachtet, Meine Tante war alt und schwach; Ich hatte bei ihr übernachtet Und grub in den Kisten-Kasten nach. Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel Und hörte die alte Tante schnaufen Ohn’ Mitleid und Zartgefühl. Was nutzte es, daß sie sich noch härme! -
Nacht war es rings um mich her - Ich stieß ihr den Dolch in die Därme, Die Tante schnaufte nicht mehr. Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch. Ich faßte sie bebend am Kragen Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. - Ich habe meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach, Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.
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